{"id":254,"date":"2016-09-13T10:04:49","date_gmt":"2016-09-13T08:04:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ichsam.at\/?page_id=254"},"modified":"2018-07-13T18:55:54","modified_gmt":"2018-07-13T16:55:54","slug":"folgen-chronischer-traumatisierungen","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.ichsam.at\/index.php\/folgen-chronischer-traumatisierungen\/","title":{"rendered":"Folgen chronischer Traumatisierungen"},"content":{"rendered":"<h2>Neuronale und endokrine Ver\u00e4nderungen als Folge chronischer Traumatisierungen im Kinder und Jugendalter<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>For the vast majority of beasts on this planet, stress is about a short-term crisis, after which it\u00b4s either over with or you are over with. (Why Zebras don\u00b4t get ulzer; Robert M. Sapolsky; 1998; S.5)<\/em><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte auf jene Symptome eingehen, die am meisten mit den neuronalen Ver\u00e4nderungen aufgrund erlittener Bindungstraumatisierungen in Verbindung gebracht werden.<\/p>\n<p>Es gibt wissenschaftlich begr\u00fcndete Vermutungen, dass chronische Traumatisierungen andere und mitunter schwerwiegendere Symptome als \u201esingle-event\u201c-Traumata zur Folge haben.<\/p>\n<p>Diese \u00dcberlegungen k\u00f6nnen durch das Konzept der Allostase und mit dem in Verbindung stehenden Terminus des \u201ealloestatic overload\u201c noch ein St\u00fcck weiter untermauert werden.<\/p>\n<p>Hans Selye besch\u00e4ftigte sich bereits mit den physiologischen Auswirkungen von Stress und Bedrohung auf den menschlichen K\u00f6rper.<\/p>\n<p>Die HPA-Axe ist jenes System im K\u00f6rper, das ma\u00dfgeblich an der durch Stress ausgel\u00f6sten physiologischen Kettenreaktion beteiligt ist.<\/p>\n<p>Alle notwendigen endokrinen Vorg\u00e4nge werden von der HPA-Axe eingeleitet, um im Falle von Bedrohung die sogenannte \u201eFight or Flight&#8220;-Reaktion auszul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die \u201eFight or Flight&#8220; Reaktion beschreibt jenen Zustand, der durch eingeleitete Ver\u00e4nderungen im K\u00f6rper, dem Menschen und auch den meisten Tieren auf diesem Planeten, durch ein Bereitstellen an Energie und Sauerstoff das \u00dcberleben sichern soll.<\/p>\n<p>Es beschreibt einen Zustand, der nicht wie in Zeiten der Entspannung, ein angelegtes K\u00f6rper Geleichgewicht darstellt, welches auf Regeneration und Ressourcen Schonung angelegt ist, sondern im Gegensatz dazu einen k\u00f6rperlichen Ausnahme Zustand hervorruft.<\/p>\n<p>Eine chronische (\u00dcber-)Aktivierung der HPA-Axe bedeutet eine st\u00e4ndige Aussch\u00fcttung an Botenstoffen (Adrenalin, Noadrenalin, Glucorticoide), die massive physiologische Reaktionen hervorrufen.<\/p>\n<ul>\n<li>L\u00f6sen der Vagus Bremse und somit eine symphatische Aktivierung die eine<\/li>\n<li>Erweiterung der Blutgef\u00e4\u00dfe,<\/li>\n<li>Anstieg der Herzfrequenz,<\/li>\n<li>Aussch\u00fcttung an gespeicherten Kohlehydraten, um Energie bereit zu stellen zur Folge haben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es wird somit ein physiologischer Ausnahmezustand eingeleitet.<\/p>\n<p>Wird der Ausnahmezustand zum Dauerzustand, so droht ein malaptiver Anpassungsprozess endokriner und neuronaler Systeme, welcher durch chronische \u00dcberstimulierung verursacht wird.<\/p>\n<p>Das Konzept der \u201eAlloestatic Overload\u201c versucht die eben beschriebenen Prozesse greifbar zu machen und auf die multidimensionalen Auswirkungen von Stress und Bedrohung auf den K\u00f6rper einzugehen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang wird oft die Formulierung \u201ethe wear and tear on the body\u201c verwendet, die sich auf die Auswirkungen chronischen Stresses und der damit verbundenen \u00dcberaktivierung endokriner Systeme bezieht und die damit verbundenen Folgen f\u00fcr den menschlichen K\u00f6rper beschreibt.<\/p>\n<p><em>It\u00b4s not so much that the stress-response runs out, but rather, with sufficient activation, that the stress-response can become more damaging than the stressor itself, especially when the stress is purely psychological. (Why Zebras don\u00b4t get ulzer; Robert M. Sapolsky; 1998; S.174)<\/em><\/p>\n<p>Das erste Symptom, auf das ich eingehen m\u00f6chte, wird in der englisch-sprachigen Literatur als <strong>\u201e<\/strong><strong>Hyperarousal<\/strong><strong>\u201c<\/strong> bezeichnet und in der deutschsprachigen Literatur mit den Begriffen \u00dcbererregbarkeit und erh\u00f6hte Schreckhaftigkeit \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Dieses Symptom fasst bei genauerer Betrachtung ein ganzes Symptom-B\u00fcndel zusammen.<\/p>\n<p>Die \u00dcbererregbarkeit trifft auf mehrere Bereiche der Reizwahrnehmung und Verarbeitung zu.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>\u201e<\/strong><strong>Hyperarousal<\/strong><strong>\u201c<\/strong> kann als eine gesteigerte Sensibilit\u00e4t in der Wahrnehmung akustischer, visueller und emotionaler Stimuli beschrieben werden.<\/p>\n<p>Besonders viel Aufmerksamkeit wurde der gesteigerten Schreckhaftigkeit traumatisierter Patientinnen im Zusammenhang mit (neutralen) akustischen Stimuli geschenkt.<\/p>\n<p>Dies wurde durch einige Studien nachhaltiger untersucht und kann als vorl\u00e4ufig best\u00e4tigt interpretiert werden.<\/p>\n<p><em>\u201eThis finding suggests that the effects of perceived abuse do not parallel the effects of PTSD, but rather have unique effect on physiology; namely an across-the-board increase in startle magnitude observed on all trial types. Importantly, when we co-varied for age, sex and Axis I disorders (PTSD and depression), the group differences between individuals with high and low levels of early sexual and physical trauma remained significant.<\/em><\/p>\n<p><em>These results suggest that early life trauma has long-lasting neurobiological effects. \u2026..In summary, this study found that high levels of reported history of child abuse are associated with increased startle reactivity in adulthood.\u201c (Childhood Abuse is Associated with Increased Startle Reactivity in Adulthood; Tanja Jovanovic et al; 2009;<\/em> <a href=\"http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC2852033\/\">http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC2852033\/<\/a><em>; 06.06.16 9:40)<\/em><\/p>\n<p>Ebenso durch mehrere Studien untersucht und durch \u00fcberschneidende Ergebnisse diesem Symptom-Kluster zuordenbar, ist eine ver\u00e4nderte Verarbeitung und Bewertung menschlicher Gesichtsausdr\u00fccke. Neutrale Gesichtsausdr\u00fccke, in Form von Bildern pr\u00e4sentiert, werden von traumatisierten Menschen als deutlich bedrohlicher wahrgenommen, als von der Kontrollgruppe ohne PTSD bzw. komplexen PTSD.<\/p>\n<p>Generell ist ein gesteigertes Gef\u00fchl von subjektiv empfundener Bedrohung bei (komplexen) PTSD Patientinnen nachweisbar.<\/p>\n<p>In der englischsprachigen Literatur als \u201eattentional &#8211; bias to threat cues&#8220; oder \u201eincreased detection of threat cues\u201c bezeichnet und durch mehrere Studien nachgewiesen, kann eine erh\u00f6hte Reaktion auf bedrohliche Stimuli im Vergleich zu Kontrollgruppen belegt werden.<\/p>\n<p>Dies wird auf mehrere Faktoren zur\u00fcckgef\u00fchrt:<\/p>\n<ul>\n<li>Der <strong>Kindling-Effekt<\/strong> beschreibt einen aufgrund erfahrener \u00dcberstimulation stattgefundener <strong>Hypersensitivierungsprozess <\/strong>(W\u00f6ller; 2013) bestimmter neuronaler Areale. Dieser Prozess wird durch kumulative und chronische Traumatisierungen in Kindheit und Jugend beg\u00fc Im Zusammenhang mit dem zu beobachtenden Symptom von PTSD Patientinnen, dass durch ein gesteigertes Gef\u00fchl subjektiver Bedrohung oder \u201e<strong>increased threat detection<\/strong><strong>\u201c<\/strong> beschrieben werden kann, ist im Falle empfundener Bedrohung eine bilaterale \u00dcberaktivit\u00e4t der Amygdala in bildgebenden Verfahren nachweisbar.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Die Amygdala, als Teil des limbischen Systems, ist f<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>r eine schnelle, situationsbezogene affektive Antwort verantwortlich<\/strong>. Es ist jenes Zentrum, dass eine erste unmodulierte emotionale Einsch\u00e4tzung von neuen bzw. als bedrohlich interpretierten Situationen und Reizen zur Verf\u00fcgung stellt, die in anderen Gehirnregionen weiterverarbeitet werden (k\u00f6nnen).<\/p>\n<p><em>\u201eOverall, there is a strong foundation for considering amygdala functioning as related to an individual\u00b4s automatic detection and vigilance to potential threat cues.\u201c (anxiety disorders; Ressler; Pine; Rothbaum; Hrsg.2015; S.23)<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.ichsam.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Bild2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-258\" src=\"http:\/\/www.ichsam.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Bild2.jpg\" alt=\"bild2\" width=\"604\" height=\"519\" srcset=\"http:\/\/www.ichsam.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Bild2.jpg 604w, http:\/\/www.ichsam.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Bild2-300x258.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 604px) 100vw, 604px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>(Abbildung 2 Ressler, Kerry J\/ Pine Daniel S.\/ Rothbaum Barbara Olasov (2015): Anxiety Disorders. Translational Perspectives on Diagnosis and Treatment. S.21, Oxford )<\/em><\/p>\n<ul>\n<li>Wie Abbildung 2 zeigt sind auch Areale im pr\u00e4frontalen Kortex an der Modulation subjektiv empfundener Bedrohung beteiligt.<\/li>\n<li>Der Neokortex beherbergt einige weitere Areale und Zentren, die bei der Modulation und Regulation von affektiven Zust\u00e4nden, insbesondere Angst, eine bedeutsame Rolle spielen. Einerseits ist durch die negative Wechselbeziehung zwischen medialen pr\u00e4frontalen Kortex eine d\u00e4mpfende Wirkung der durch die Aktivierung der Amygdala einsetzenden affektiven Reaktion zu beobachten. Diese negative Korrelation zwischen medialen pr\u00e4frontalen Kortex und Amygdala ist deutlich verringert in Patientinnen mit komplexer bzw. akuter PTSD als auch in Patientinnen mit einer diagnostizierten Angstst\u00f6rungen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>\u201eMedial frontal areas, including the subgenial and rostral anterior cingulate, are involved in dampening emotional responses that are driven by the amygdala\u00a0 (Rauch et al; 2008) Anxiety prone individuals show reduced activation of these areas in response to ambiguous affective stimuli (Simmons,Matthews,Paulus,and Stein,2008),as do individuals with PTSD(Etkin,Wagner,2007;Shin,Rauch,and Pittman,2006). Moreover, activation of the ventromedial prefrontal cortex is negativly correlated with amygdalal activation to emotional stimuli in PTSD. (Shin et al.,2006), suggesting reduced capacity to maintain effective top-down regulation of limbic reactivity (Rauch et al.,2006). (anxiety disorders; Ressler; Pine; Rothbaum; Hrsg.2015; S.24)<\/em><\/p>\n<ul>\n<li>Zwei weitere neuronale Areale (anteriore cingul\u00e4re Kortex, insula) sind an der Verarbeitung und individuellen Bewertung neutraler bzw. bedrohlich erscheinender Stimuli beteiligt. Beide Areale scheinen direkten Einfluss auf die subjektive Gefahreneinsch\u00e4tzung von Individuen zu haben. Der anteriore cingul\u00e4re Kortex erm\u00f6glicht ein willentliches Abwenden der Aufmerksamkeit von bedrohlichen Reizen hin zu Sicherheit vermittelnden Informationen. In Patientinnen mit Angstst\u00f6rungen und PTSD ist diese Kontrollfunktion des anteriore cingul\u00e4re Kortex deutlich geschw\u00e4 Dies erschwert ein willentliches Abwenden der Aufmerksamkeit von bedrohlich erscheinenden Reizen und hat eine verminderte Steuerung und Kontrolle der subjektiven Konzentrationsf\u00e4higkeit zur Folge.<\/li>\n<li>Die Insula steht im Zusammenhang mit der bewussten Wahrnehmung und Einsch\u00e4tzung interozeptiver und affektiver Zust\u00e4nde und der Bewertung von K\u00f6rper Wahrnehmungen. \u201eDoch in der Insel geschieht noch viel mehr, sie gilt als multisensorischer Cortex und ist zum Beispiel an der emotionalen Bewertung von Schmerz beteiligt. Als wichtiger Projektionsort der viszero-sensiblen Bahn \u2013 also den Empfindungen der inneren Organe \u2013 empf\u00e4ngt sie neben Hunger viele weitere Informationen, darunter solche \u00fcber Atemnot, \u00dcbelkeit und V\u00f6llegef\u00fchl\u201c (<a href=\"https:\/\/www.dasgehirn.info\/entdecken\/anatomie\/der-insellappen\">https:\/\/www.dasgehirn.info\/entdecken\/anatomie\/der-insellappen<\/a><em>; 20.06.2016; 10:33)<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p><em>\u201ePaulus and Stein (2006) have summarized evidence that individuals who are prone to anxiety show a biased appraisal of internal bodily sensations as dangerous, leading to erroneous predictions of future aversive bodily states, which ultimately manifests as anxiety.\u201c (anxiety disorders; Ressler; Pine; Rothbaum; Hrsg.2015; S.24)<\/em><\/p>\n<ul>\n<li>Der Symptom-Gruppe \u201eHyperarousal\u201c ist auch eine gesteigerte Wachsamkeit zu zuordnen. Diese Hyper-vigilanz ist vermutlich durch eine Vielzahl an Faktoren zu erkl\u00e4 Einerseits ist es bei fr\u00fch und chronisch traumatisierten Menschen bereits ein verinnerlichtes Muster und eine \u00dcberlebensstrategie geworden, welche auf fr\u00fche emotional \u00fcberfordernde Situationen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Andererseits ist durch die chronische (\u00dcber)Aktivierung der HPA-Achse und der damit in Zusammenhang stehenden endokrinen Sensitivierung eine erh\u00f6hte sympathische Aktivierbarkeit feststellbar.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neuronale und endokrine Ver\u00e4nderungen als Folge chronischer Traumatisierungen im Kinder und Jugendalter &nbsp; For the vast majority of beasts on this planet, stress is about a short-term crisis, after which it\u00b4s either over with or you are over with. (Why Zebras don\u00b4t get ulzer; Robert M. 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